Es ist interessant zu beobachten, wie unterschiedlich Menschen mit den aktuellen Einschränkungen sozialer Kontakte (Social Distancing) und anderen Veränderungen (z.B. Home-Office) umgehen. Viele scheinen die soziale Distanzierung (die sich primär aus einer physischen Distanzierung ergibt und oft nur unzureichend durch nicht-physische Kontakte ausgeglichen werden kann) nur schwer auszuhalten. Dies ist vermutlich – neben vielen anderen Aspekten wie wirtschaftliche Sorgen, Bewegungsarmut, Doppelbelastungen aus Kinderbetreuung und Arbeit im häuslichen Umfeld – einer der Gründe, weshalb der Ruf nach Lockerungen, mithin der Wunsch nach mehr Interaktion mit anderen Menschen, immer lauter wird.

Mir drängt sich in diesem Zusammenhang auch der Eindruck auf, dass vielen Berichterstattungen und Kommentierungen in klassischen und sozialen Medien die Überzeugung zugrunde liegt, dieses Unwohlsein aufgrund mangelnden oder eingeschränkten Kontaktes sei der einzig angemessene Reaktionsmodus. Das ist wiederum interessant, nehme ich doch an mir selbst, in meinem familiären Umfeld und auch überwiegend im Freundeskreis wahr, dass es durchaus Menschen gibt, für die dieser neue Normalzustand der Kontaktbeschränkung nicht nur keine belastende Situation darstellt, sondern sogar eine Wohltat ist. In meinem Familien- und Freundeskreis scheint mir der Anteil eher introvertierter Menschen deutlich zu überwiegen (mich eingeschlossen). Dabei ist mir bewusst, dass die Zuschreibungen „introvertiert“ oder „extravertiert“ immer die Gefahr der zu wenig differenzierenden Etikettierungen birgt. Gleichwohl lassen sich beide Ausprägungen in wissenschaftlich fundierten Persönlichkeitsanalysen (beruhend auf dem Big5-Modell) als Grundtendenzen gut identifizieren.

Introvertierte Menschen sind – genau wie Extravertierte – durchaus gerne mit anderen Menschen zusammen, ziehen dabei aber kleinere Gruppen großen Menschenansammlungen vor. Sie ziehen ihre Energie nicht aus dem wuseligen Miteinander mit vielen, sondern aus direkten Kontakten mit wenigen und aus Zeit für sich allein. Im privaten Kontext ist es eher das gemütliche Abendessen mit einem befreundeten Paar als die Party mit 50 Leuten, bei denen sie sich wohl fühlen, im beruflichen eher der konzentrierte 1:1 Austausch mit einer Kollegin als das Bereichsmeeting.

Introvertierte scheinen sich in der aktuellen Situation der Kontaktreduktion geradezu zu entspannen (sofern dies nicht durch andere der o.g. Aspekte negativ überkompensiert wird). Wo Extravertierte eher Angst vor Vereinsamung haben, freuen sich Introvertierte darüber, endlich Rückzugsräume zu haben, die ohne gesonderten Begründungszwang einfach da sind und die nicht ständig gegen die „Lass-uns-da-aber-unbedingt-in-enger-und-regelmäßiger-Abstimmung-bleiben!“-Typen verteidigt werden müssen. Weniger in Sitzungen mit (zu) vielen anderen zu sein, sich deutlich seltener dem Druck ausgesetzt zu fühlen, noch irgendetwas sagen zu müssen (obwohl schon alles gesagt ist) oder sich in virtuellen Meetings besser zurücknehmen zu können macht es ihnen leichter, ihren Energiehaushalt zu schonen. Auch die Arbeit von zuhause kann die Möglichkeit bieten Interaktion mit anderen zu reduzieren oder zumindest besser zu steuern. (Wobei ich auch Klienten habe, denen es gerade im Home-Office schwerfällt, angemessene Interaktionsgrenzen zu ziehen.)

Natürlich hat auch dieser, für Introvertierte hinsichtlich der sozialen Interaktion scheinbar perfekte Zustand seine Tücken (das er aus vielen anderen Gesichtspunkten alles andere als perfekt ist, sei nochmal betont!). Es kann zum Beispiel zu einer ungünstigen Kultivierung von passiver Zuhörerschaft kommen oder des unbedingten Wunsches, Beschämungssituationen in Gruppen zu vermeiden (vgl. https://metatheorie-der-veraenderung.info/2020/04/09/virtuelle-begegnung/ ). Wer sein „intro sein“ als Grund dafür inszeniert seine Angst vor Nähe zu überdecken läuft Gefahr, in Kontaktarmut zu geraten. Das Ergebnis ist dann nicht gesunde Dosierung von Interaktionen, sondern alleine zu bleiben. Auch wird das Social Distancing nach und nach zurückgehen und es ist zu erwarten, dass die Anforderungen an zwischenmenschliche Interaktion früher oder später wieder wie vor dem Lock down sein werden.

Einstweilen können wir Intros der gegenwärtigen Situation auch positive Seiten abgewinnen. Und wir können dies kundtun und so den vorherrschenden Veröffentlichungen über das Unwohlsein mit den Kontaktbeschränkungen eine weitere Sichtweise hinzufügen.

Und schlussendlich besteht für Introvertierte gerade jetzt die Chance, sich „ganz entspannt“ und ohne Druck von außen den inneren psychischen Anteilen zuzuwenden, die an den Interaktionserfordernissen der normal funktionierenden Welt leiden und den Kontakt zu anderen ab und an in dysfunktionaler Weise hemmen.